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Nach der peniblen Ausreisekontrolle geht die Einreise nach Kasachstan recht unproblematisch. Der Passkontrolleur ist etwas irritiert darüber, dass unsere Visa für Kasachstan schon seit drei Wochen gelten und fragt, ob wir schon in Kasachstan gewesen sind - eine Frage, die er sich angesichts nicht vorhandener Kasachstan-Stempel in unseren Pässen leicht selber beantworten können sollte. Dann scheint er sich nicht vorstellen zu können, dass wir wirklich in Kasachstan aussteigen und nicht schnurstracks nach Russland durchfahren wollen, denn er fragt ständig "Transit?". Aber allmählich begreift er, und wir schlummern weiter, während der Zug westwärts durch Kasachstan fährt.
Am
Morgen ist Lokwechsel zu einer Diesellok angesagt. Dort, wo die Elektrifizierung
endet, befindet sich auch die Verzweigung nach Almaty. Dort wollen wir schließlich
hin, aber zuerst fahren wir noch etwas weiter nach Westen auf der Strecke Richtung
Moskau, damit wir unser Luxusabteil noch etwas länger genießen können.
Wir steigen schließlich am späten Vormittag in Qyzylorda aus. Das ist
etwa 300 km vom Kosmodrom Baikonur entfernt, aber zur Zeit scheint kein Start
anzustehen.
Wir brauchen kasachisches Bargeld, denn wir haben nur eine kleine
Summe im Zug gewechselt. In der Stadt findet Till einen funktionierenden Geldautomat,
den ersten seit Istanbul, und hebt 10 000 Tenge ab, etwa 60 €. Die Zahl der
Nullen, mit denen wir jonglieren müssen, nimmt seit der Türkei stetig
ab. Hier gibt es sogar Scheine, die so viel wert sind, dass die Mühe gerechtfertigt
wäre, sich nach einem einzigen heruntergefallenen zu bücken.
Am
Fahrkartenschalter zeigt es sich, dass wir die Uhr falsch umgestellt haben. Ost-Kasachstan
liegt im Vergleich zu Usbekistan nicht nur eine Zeitzone voraus, sondern hat außerdem
jetzt auch Sommerzeit, was Usbekistan nicht hat. Jetzt sind es weniger als 15
Minuten bis zur Abfahrt, und wir haben noch keine Fahrkarten! Am Schalter ist
eine ziemliche Schlange, und als Till endlich an der Reihe ist, sagt die Fahrkartenverkäuferin
"Noch 5 Minuten bis zur Abfahrt, jetzt schließe ich!" und zieht
den Rollo herunter.
Wir steigen trotzdem in den nächstbesten Wagen ein
und fragen den Provodniken (Wagenbetreuer) nach freien Betten. Wir sind in einem
"Platskartny"-Wagen, gelandet, einem ziemlich engen Typ Liegewagen ohne
Abteile, in dem es zu beiden Seiten des Mittelgangs Pritschen gibt. Er zockt uns
ziemlich ab und nimmt den doppelten Preis verglichen mit dem Schalter - und schon
ist das meiste unseres Bargeldes in kasachischen Tenge weg. Nach einer Weile bekommen
wir Plätze in einem Schlafwagen angewiesen. Das Vierbettabteil ist zwar voll,
aber am nächsten Halt steigen einige aus, und der Provodnik gibt dem verbleibenden
Fahrgast einen anderen Platz. So bekommen wir sogar ein Abteil für uns alleine,
aber jetzt will dieser Provodnik auch bezahlt werden. Wir versuchen zu erklären,
dass wir schon bei seinem Kollegen bezahlt haben, aber er meint nur "Das
ist mein Wagen!". Er sitzt am längeren Hebel und ist sich dessen bewusst.
Es gelingt uns, in etwas auf 70 US-$ herunterzuhandeln. Als kleine Rache bekommt
er alles in 1-Dollar-Scheinen...
Wir haben zwischenzeitlich gelernt, was es
bedeutet, wenn der Provodnik sich mit dem Zeigefinger an den Hals tippt, er will
wissen, ob wir Wodka wünschen. Der ist in Zügen verboten, wird aber
viel getrunken.
Ein näherer Blick auf die Landkarte verrät,
daß wir in der Nacht in Kirgisien waren, ohne es zu merken. Etwa 15 bis
20 km der Strecke verlaufen durch dieses Land, ohne daß es eine Paßkontrolle
gegeben hätte. Vermutlich gibt es eine Kontrolle für die ein- und aussteigenden
Reisenden auf dem einzigen Bahnhof in Kirgisien dieser Strecke.
Viele Grenzen
in Zentralasien verlaufen kreuz und quer über Straßen und Eisenbahnen
und zwingen Reisende zwischen verschiedenen Teilen eines Landes, im Transit durch
ein Nachbarland zu fahren. Unter der Sowjetzeit spielten die Grenzen der Republiken
keine so große Rolle, aber heute sind es Staatsgrenzen von Ländern
mit komplizierten Visabestimmungen. Auch wenn dies vor Ort oft pragmatisch gelöst
wird, so ist es doch eine Belastung für die wirtschaftliche Entwicklung der
Länder in der Region. Es sind mancherorts neue Straßen und Eisenbahnen
gebaut worden oder werden gebaut. Kirgisien hat nicht weniger als 6 Bahnstrecken,
die untereinander keine Verbindung im Land haben, sondern nur über Usbekistan
oder Kasachstan.
Wie man aus der Zugnummer ablesen kann, gehört unser
Zug zur niedrigsten Kategorie kasachischer Fernzüge. Er hält oft und
lang. Der fliegende Handel an Bord übertrifft alles, was wir in Turkmenistan
und Usbekistan erlebt haben. Außer Lebensmitteln gibt es alles von Spielzeugüber
Porzellan, Lampen, Zeitungen und vieles mehr. Einmal zählen wir 25 Verkäufer
in 10 Minuten, die an unserem Abteil vorbeikommen. Wie wir später hören,
ist es vor allem in den entlegenen westlichen Teilen des Landes umgekehrt: Der
Zug versorgt die Dörfer als rollender Laden. Das sehen wir jedoch nicht hier.
Je näher wir der Metropole Almaty kommen, desto höher türmen
sich die Berge östlich der Bahnlinie auf, die Bergkette bildet hier die Grenze
zu Kirgisien. Die Strecke in die Haupstadt Bishkek zweigt in Lugovoj ab, etwa
400 km vor Almaty.
Wir werden von einem schnelleren Zug überholt, der
aus Astana kommt, der neuen Hauptstadt des Landes, dem früheren Akmola oder
Tselinograd. Wir hätten umsteigen und früher in Alamty ankommen können,
aber so bekommen wir längeres Bahnfahren für unser Geld. Auf einem Bahnhof
etwa 30 km vor Almaty halten wir ziemlich lange, bis wir jemanden rufen hören
"Der spanische Zug!" Da rauscht eine in Spanien gebaute Talgo-Garnitur
vorbei, der neueste und teuerste Zug der Kasachischen Eisenbahn, der seit etwa
einem Jahr zwischen Astana und Almaty pendelt. Der Zug ist ein recht futuristischer
Einschlag zwischen dem ganzen Rollmaterial aus der Sowjetzeit.
Die Strecke,
die wir gefahren sind, ist etwa 1180 km lang, und es hat geschlagene 29 Stunden
gedauert. Wir wissen nicht, wann wir planmäßig ankommen sollen, aber
glauben nach den vielen langen Aufenthalten, daß wir stark verspätet
sein müssen - aber wir sind pünktlich. Der Zug hält zuerst in Almaty
I, einem großen Bahnhof und Knotenpunkt etwa 10 km von der Stadt, und endet
schließlich in Almaty II, einem kleineren Bahnhof in der Nähe des Zentrums.
Wir rufen David Berghoff an, den deutschen Zentralasien-Spezialisten, der unsere
Turkmenistan-Reise organisiert hat und der in Almaty wohnt. Er empfiehlt uns ein
Mittelklassehotel, in dem wir zwei Nächte buchen.
Den
folgenden Tag beginnen wir mit etwas Bürokratie, denn wir müssen uns
spätestens 72 Stunden nach der Einreise registrieren lassen. Das Reiseunternehmen
Central Asia Travel, das unsere Einladungen ausgestellt hat, erledigt das für
uns. So brauchen wir uns nicht bei der Polizei anzustellen, und das ist uns die
moderate Extragebühr wert. Wir haben ohnehin keine Wahl, denn man muß
sich wenn möglich über das Reiseunternehmen registrieren lassen, das
die Einladungen ausgestellt hat.
Wir kaufen unsere Fahrkarten nach Astana
für den folgenden Tag. Für den spanischen Talgo bekommen wir keine Plätze,
also begnügen wir uns mit einem konventionellen Zug. Erst später finden
wir heraus, dass der Talgo nicht täglich verkehrt, wie uns fälschlich
gesagt wurde - es gibt zur Zeit nur eine Garnitur und zwei Zugpaare pro Woche,
und der Zug fährt nicht am folgenden Tag.
Am späten Nachmittag gehen
wir zur Bahnlinie und suchen einen guten Fotostandpunkt, um den Interessantes
abzulichten. Noch glauben wir fälschlich, der Talgo führe an diesem
Nachmittag. Etwa eine Viertelstunde Fußmarsch vom Bahnhof finden wir einen
geeigneten Platz und warten dort. Wir sehen einen recht interessanten Turmtriebwagen,
der auf ein Nebengleis gefahren wird, um einem ankommenden Fernzug Platz zu machen.
Zug Nr. 10 aus Astana fährt pünktlich in den Bahnhof ein. Der Zug ist
gemischt aus Wagen im UIC-Profil und Wagen im breiteren Profil der früheren
Sowjetstaaten zusammengesetzt. Nachdem der Kurswagen von Astana nach Berlin eingestellt
worden zu sein scheint, hat die kasachische Bahn keine Verbindungen mehr nach
Europa außerhalb der früheren Sowjetunion. Die UIC-Wagen fahren wohl
nur noch im Inlandsverkehr und nach Rußland. (Anmerkung: Der Kurswagen Astana
- Berlin verkehrt inzwischen wieder).
Der Turmtriebwagen kehrt nach einer
Weile auf das Hauptgleis zurück und blockiert die Einfahrt in den Bahnhof.
Wir ahnen, dass wir den Talgo-Zug wohl heute nicht mehr sehen werden, und gehen
zurück.
Wir treffen David Berghoff in der Stadt. Er lebt schon seit mehreren
Jahren in Zentralasien, zuerst war er in Turkmenistan, wo er aber nicht mehr bleiben
durfte. Jetzt wohnt er schon seit gut zwei Jahren in Almaty und betreibt dort
seinReiseunternehmen "Stantours". Er hat auch unsere Fahrkarten von
Astana nach St. Petersburg gekauft und durch einen Partner Fahrkarten von St.
Petersburg nach Helsinki reserviert, die uns in St. Petersburg geliefert werden
sollen. Als kleines Trostpflaster für die Depotbesichtigung, die in Ashgabat
in Turkmenistan nicht zustande kam, bekommen wir die Fahrkarten zum Selbstkostenpreis,
und er lädt uns auch zu einem Bier und einem Orangensaft ein - und das, obwohl
das Ganze außerhalb seiner Kontrolle war. Danke, David!
Nach
unserer zweiten Nacht in Almaty ist es Zeit, in die Hauptstadt Astana weiterzureisen.
Der Zug fährt erst am späten Vormittag, aber wir gehen trotzdem früh
zum Bahnhof, denn diesen Morgen wollen wir endlich den Talgo sehen, wenn er aus
Astana ankommt! In der Nähe des Bahnhofs, wo die Bahnlinie in einer Kurve
in die Stadt hineinführt, stellen wir uns am Bahndamm auf, und nach einer
Weile hören wir tatsächlich Dieselbrummen, das den Talgo ankündigt
- die übrigen Züge sind mit Elloks bespannt, nur der Talgo wird mit
Diesel bespannt, bis die neuen chinesischen Elloks an die kasachische Eisenbahn
geliefert sind. Diese kommen vom selben Hersteller wie die Lok, die wir in Usbekistan
gesehen haben, sind aber von einem anderen Typ. Die vorhandenen Elloks haben eine
Höchstgeschwindigkeit von nicht mehr als 100 km/h, daher geht es zur Zeit
mit Diesel schneller.
Das Licht ist leider miserabel zum Fotografieren, aber
um diese Tageszeit gibt es in der Nähe der Stadt keine gute Stelle. Zurück
am Bahnsteig lässt uns eine Zugbegleiterin in ihrer ansprechenden blauen
Uniform einen Blick in eines der modernen, funktionellen Schlafwagenabteile werfen.
Als wir weiter fotografieren, kommt ein übereifriger Polizist und nimmt uns
mit zum Dienstraum des Fahrdienstleiters. Wir erklären so gut es geht, dass
wir eisenbahninteressierte Touristen sind und zeigen einige der Bilder, die wir
gemacht haben. Alle im Raum (außer uns) sehen etwas hilflos aus, und anscheinend
kommt der Fahrdienstleiter zu dem Schluss, dass wir harmlos sind. Wir gehen mit
dem Polizisten wieder hinaus und fotografieren fleißig weiter, während
er noch neben uns steht. Sieg!
;-)
Jetzt wird es Zeit, unser Gepäck
aus dem Hotel zu holen. Auf dem Weg treffen wir unter anderem eine ehemalige Berliner
Tatra-Straßenbahn mit knallbunter Mirinda-Ganzreklame. Was uns in der Stadt
auch auffällt, ist Dampf, der mancherorts aus Rissen im Asphalt aufsteigt,
das scheinen Lecks im Fernvärmenetz zu sein oder Ähnliches. Es ist kälter
geworden.
Zurück am Bahnhof warten wir, bis wir einsteigen dürfen.
Wir sehen uns einen Raum "The International Hall" an, der auf Englisch
und Chinesisch gekennzeichnet ist. Das muß der Fahrkartenschalter für
Reisende des zweimal wöchentlich verkehrenden Zuges nach Urumchi in Nordwest-China
sein. Leider haben wir diesen Zug nicht zu Gesicht bekommen. Diese Verbindung,
die erst 1992 eröffnet wurde, war ein Bindeglied in unserem ursprünglichen
Reiseplan. Wir wollten von Europa nach China fahren, ohne über Russland zu
fahren, und auf der klassischen transsibirischen Route nach Hause. Als wir beschlossen,
die Reise zu verkürzen und ein anderes Mal nach China zu reisen, wollten
wir zumindest bis an die chinesische Grenze fahren. Allerdings ist das ein Sperrgebiet,
und David Berghoff hat uns erzählt, wie er dort einmal festgenommen und vor
Gericht gestellt worden ist, nur weil er in diesem Gebiet war!
Wir steigen
in unseren Zug, in dem wir ein Zweibettabteil gebucht haben. Es ist genauso stilvoll
wie in dem Schlafwagen, den wir von Taschkent genommen haben. Es gibt ein feines
Teeservice und schöne Bettbezüge, ärgerlich sind nur die schmutzigen
Fenster, die sich zjm Fotografieren nicht öffnen lassen... Aber während
des nächsten Aufenthalts auf dem großen Bahnhof Almaty I sorgen wir
selbst für freien Durchblick.
Wir folgen zuerst in Richtung Westen der
Strecke, auf der wir gekommen sind, bis wir das Gleisdreieck erreichen, auf dem
die Strecke nach Astana nach Norden abzweigt. Während eines Haltes auf freier
Strecke springt ein Mann aus dem Zug und pflückt einige der schönen
Blumen, die am Bahndamm wachsen. Es gilt wohl, sich ein Extraeinkommen zu sichern.
Die Strecke ist in recht gutem Zustand, es ist ja auch die wichtigste für
den kasachischen Inlandsverkehr und diejenige, die vom besten und teuersten Prestigezug
befahren wird. Wir fahren nicht auf dem direkten Weg, sondern wechseln am Nachmittag
in der Stadt Shu westlich des Gleisdreiecks die Fahrtrichtung. Dort gibt es wieder
umfangreichen Handel auf dem Bahnsteig, während es kaum Händler im Zug
gibt - anscheinend gibt es diese in erster Linie in den langsameren Zügen,
aber unser Zug gehört zur schnelleren Kategorie und hält nur in wenigen
größeren Städten.
Nach einer ruhigen Nacht nähern wir uns der kasachischen
Hauptstadt. Das Wetter hat sich wieder verschlechtert, es regnet in Strömen
und ist ziemlich kalt geworden.
Die Hauptstadt ist im Laufe ihrer Geschichte
dreimal umbenannt worden. Sie wurde in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts als
"Akmola" gegründet, "Weißer Überfluss" auf
Kasachisch - das hat seinen Ursprung darin, dass die Gegend für ihre Milchprodukte
und sein Brot bekannt war. Unter Kruschtschow wurde die Stadt in "Tselinograd"
umbenannt - "Die Stadt des unberührten Landes" - weil sie Zentrum
für ein Projekt zur Entwicklung unerschlossener Regionen wurde. Nach der
Auflösung der Sowjetunion bekam die Stadt ihren alten Namen Akmola zurück,
und Präsident Naserbajew beschloss, die Stadt anstelle von Almaty zur Hauptstadt
zu machen. Das wurde under anderem mit dem Erdbebenrisiko in Almaty begründet,
aber von Kritikern verspottet. Diese glaubten, es werde Naserbajews politischer
Tod werden, eine Provinzstadt mit extremem Klima zur Hauptstadt zu machen - sie
übersetzten Akmola mit "Weißes Grab". Die Stadt wurde schließlich
in "Astana" umbenannt - das bedeutet nichts anderes als "Hauptstadt"
auf Kasachisch.
Am Bahnhof sehen wir zahlreiche gebrauchte Stadtbusse aus Westeuropa
- die allermeisten Busse außer den Trolleybussen scheinen solche zu sein.
Bengt erblickt mehrere Busse des Regionalverkehrs Groß-Stockholm und fühlt
sich gleich wie zu Hause. Wir nehmen ein Taxi in die Innenstadt und finden ein
Internetcafé. Da das Wetter nicht zu viel anderem einlädt, verbringen
wir einige Stunden dort, schreiben E-Mails und brennen Fotos auf CD. Allein die
Arbeit, die Dateien zur weiteren Bearbeitung nach unserem Schema umzubenennen,
nimmt viele Stunden in Anspruch...
Am späten Nachmittag suchen wir ein
Hotel. Der Reiseführer ist vier Jahre alt, das ist für diese Weltgegend
eine ganze Menge. Es ist noch kälter geworden, der Regen ist in klatschnassen
Schnee übergegangen, und es stürmt kräftig. Natürlich haben
wir auf dem Weg in das Viertel, in dem es laut der kleinen Karte des Reiseführers
am meisten Hotels gibt, auch noch Gegenwind, und wir gehen in das erstbeste Hotel.
Es
ist das Hotel "Europa Palast", direkt neben dem Parlament. Es sieht
sehr fein und luxuriös aus, mit einer prachtvollen Bar im Erdgeschoß
und nur wenigen Zimmern im ersten Stock. Es ist nach kasachischen Maßstäben
nicht gerade billig, aber kostet auch kein Vermögen. Wir quartieren uns für
zwei Nächte ein, die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt unseres Zuges nach
St. Petersburg.
Die Zimmer haben einen eigenartigen Grundriss. Es sind vier
Zweibettzimmer, die um einen kleinen Speiseraum gruppiert sind, in dem auch unser
Abendessen serviert wird. Es scheint ein Gästehaus der Regierung zu sein,
das als Hotel verwendet wird, wenn keine offiziellen Delegationen zu Besuch sind.
Während
der Nacht ist es aufgeklart, und jetzt sind es sieben Minusgrade - das kälteste,
was wir während unserer Reise erlebt haben. Das Wetter ist nun einladender,
aber die Stadt ist jetzt von einer Eisschicht überzogen, und man muss aufpassen,
nicht auszurutschen. Der Winterdienst ist mit altertümlichen Methoden an
der Arbeit. Wir stehen früh auf, um den Talgo bei der Ankunft aus Almaty
zu sehen. Wir hätten ja einen Tag länger in Almaty bleiben und mitfahren
können, aber hinterher ist man immer schlauer...
Der Bahnhof ist neu gebaut
und sehr modern. Man merkt, dass die Stadt erst vor wenigen Jahren Hauptstadt
geworden ist. Es gibt auch eine große Fußgängerbrücke über
die Gleise, aber die meisten Reisenden laufen trotz der hohen Bahnsteigkanten
über die Gleise. Als der Talgo aus Almaty einrollt, hält er am Hausbahnsteig.
Uns gelingen einige bessere Bilder als in Almaty.
Während der Talgo noch
am Hausbahnsteig steht, kommt ein vollbesetzter Vorortzug auf dem Bahnsteig dahinter
an. Während einige Reisende an den Bahnsteigenden um den im Weg stehenden
Zug herumgehen, warten die meisten, bis er ins Betriebswerk rangiert wird. Als
das geschieht, wälzt sich eine regelrechte Flutwelle von Reisenden die Bahnsteigkanten
herunter und wieder hinauf. Das ist in der Tat ein ziemlich beeindruckender Anblick.
Wir
schauen uns ein wenig im Betriebswerk um, das direkt neben dem Personenbahnhof
liegt. Es ist fast menschenleer, und das Tor steht offen. Einige Züge stehen
zur Reinigung im Werk, aber wir sehen keine außergewöhnlichen Fahrzeuge.
Wir
fahren schließlich ins Zentrum zurück und machen einen kleinen Stadtrundgang.
Es ist vieles neu gebaut, und es gibt eine Reihe repräsentativer Regierungsgebäude.
Alles in allem sieht die Stadt recht künstlich aus, aber es ist nicht so
extrem wie im turkmenischen Aschgabat mit seinen grotesk überdimensionalen
Monumenten. Wir schauen auch beim Parlament vorbei und sprechen einen Abgeordneten
an, der gerade vorbeikommt. Er spricht recht gut Englisch, und wir fragen ihn,
ob man das Parlament von innen anschauen könne. Wir erklären ihm, dass
in Schweden alle Bürger das Recht hätten, ihre Volksvertreter bei der
Ausübung ihres Amtes zu besuchen. Er ist sehr höflich, erklärt
uns aber, dass man das kasachische Parlament nicht besichtigen könne - "Wir
haben ein anderes System", sagt er, das kann man wohl sagen. Auch wenn Kasachstan
das wahrscheinlich liberalste der zentralasiatischen Länder ist, so ist es
doch weit von einer Demokratie entfernt.
Am
letzten Tag, bevor wir unsere Heimreise antreten, machen wir keine grösseren
Aktivitäten mehr. Wir haben den ganzen Tag Zeit, weil unser Zug erst nach
St. Petersburg erst gegen Mitternacht abfährt.
Wir fahren mit Stadtbussen
ein wenig ohne bestimmtes Ziel herum, um die Stadtviertel außerhalb des
fein herausgeputzten Zentrums zu sehen. Das meiste sind relativ neu gebaute, graue
Betonwohnblocks. Wir bekommen Gelegenheit, mit einem der wenigen neu gebauten
Busse aus koreanischer Produktion zu fahren.
Till erblickt einen blauen Bahnbus
aus der Zeit, als die Deutsche Bundesbahn noch in eigener Regie Busverkehr betrieb.
Das alte DB-Logo prangt noch unberührt neben dem Zielschild "Erbach
(Odenwald)"... Erbach ist eine deutsche Kleinstadt etwa 150 Kilometer nördlich
von Tills Geburtsstadt Stuttgart, aber es muß als unwahrscheinlich erachtet
werden, dass der Bus im Moment wirklich dorthin unterwegs ist ;-) Till wir diese
Beobachtung später per E-Mail dem Stadtrat von Erbach mitteilen, aber nie
einen Kommentar erhalten...
Wir gehen in einem Einkaufszentrum mit einem Warenangebot
wie zu Hause einkaufen. Es gibt viele Importwaren zu entsprechenden Preisen, aber
Bengt sucht vergebens nach seinem geliebten Käse aus der schwedischen Provinz
Västerbotten.
Wir gehen recht früh zum Bahnhof, ehe der Zug nach
St. Petersburg abfährt. Wir haben einen alten Bus des Regionalverkehrs Groß-Stockholm
dorthin genommen, so wird Bengt später sagen können, seine Heimreise
mit diesem Verkehrsunternehmen begonnen und beendet zu haben.
Dies wird die
längste Reise im selben Zug sein, drei Nächte werden wir in unserem
Vierbettabteil schlafen. Es geht schon auf Mitternacht zu, als wir die Heimreise
antreten. Jetzt haben wir allmählich Heimweh.
Am nächsten Morgen sind wir immer noch in Kasachstan. Der Zug fährt
nicht auf direktem Wege nach Russland, sondern schlägt einige Haken auf einem
Umweg auf teilweise nicht elektrifizierten Strecken weiter nördlich, so dass
es fast 1000 km bis Zur Grenze sind.
Wir teilen unser Abteil mit einem russischen
Geschäftsman aud Tscheljabinsk, der in der Röhrenbranche arbeitet. Mit
Skizzen und etwas Wörterbuchhilfe unterhalten wir uns über Technik und
Materialien, trotz mangelnder Sprachkenntnisse.
In der Stadt Tobol, die schon
recht nahe an der Grenze liegt, wechseln wir zu einer Diesellok und wechseln die
Fahrtrichtung. Die nordwärts führende Strecke ist teilweise elektrifiziert,
aber offenbar nur für Kohlentransporte zu einem Kraftwerk auf halber Strecke
zum nächsten grösseren Knotenpunkt Kustanay. Wir sehen umfangreiche
Industriebahnanlagen mit eigenen Elloks von Typen, die mit den Baureihen der Staatsbahn
keine Ähnlichkeit hat.
Am Nachmittag erreichen wir die Grenze zu Russland
an der Stadt Kaerak. Der Kasachische Zöllner besieht sehr misstrauisch Tills
etwas zerschlissenen Pass. Er begutachtet die Kanten uns scheint zu glauben, hier
sei etwas Marke Eigenbau zusammengeklebt. Er findet aber nichts und gibt sich
schließlich zufrieden. Zwischenzeitlich bittet Bengt die Zöllner zu
lächeln und will sie fotografieren, was diese aber überhaupt nicht zu
schätzen wissen... Zum Glück löst der Blitz nicht aus, so daß
die Zöllner nicht merken, dass wir tatsächlich ein Schnappschuss im
Kasten ist - von einem Zöllnern, der unübersehbar nicht fotografiert
werden will...
Nach einer Stunde Aufenthalt rollt der Zug weiter, und wir
sind unterwegs in die russische Industrie- und Grenzstadt Troicsk.